2. Januar 2009 Kieler Nachrichten

Kieler An- und Aussichten: Vier Fragen an die drei OB-Kandidaten

Kieler Nachrichten Foto: aug

Kiel - Pessimismus oder Zuversicht - wohin steuert Kiel 2009 angesichts der Finanzkrise und eines wachsenden Schuldenbergs? Der Herausforderung wird sich die neue bzw. alte Verwaltungsspitze stellen müssen. Am 15. März sind die Kieler und Kielerinnen aufgerufen, einen neuen Oberbürgermeister zu wählen oder aber die amtierende Verwaltungschefin Angelika Volquartz (CDU) zu bestätigen. Nach dem Gewinn der Ratsmehrheit der Dänen-Ampel von SPD, Grünen und SSW rechnet sich die SPD gute Chancen aus, mit dem früheren Stadtrat Torsten Albig auch wieder den OB stellen zu können, möglicherweise erst in der Stichwahl am 29. März. Die Links-Partei schickt Raju Sharma, Referatsleiter in der Staatskanzlei, ins Rennen. Mit vier Fragen an OB Volquartz und ihre beiden Herausforderer versuchte Redakteurin Martina Drexler, persönliche Ansichten und Aussichten noch vor Beginn der heißen Wahlkampfphase auszuloten. 

Wofür sollte die Stadt stehen? Wogegen sollte sie sich stellen? 
 
Volquartz: Unsere Landeshauptstadt steht für Weltoffenheit, Fortschritt und Gerechtigkeit. Hochschulen, Landesregierung, Arbeitgeber, Marine und viele andere sorgen im "Tor zur Ostsee" für ein Klima, in dem jeder seinen Platz finden kann - wenn er sich integrieren will. In KIEL.SAILING CITY, der Welthauptstadt des Segelns, schlagen ökonomische Entwicklung und ökologische Verantwortung im Gleichklang. Denn nur im gesunden Kräfteverhältnis dieser Pole entwickelt sich Kiel immer weiter zur kinder- und familienfreundlichsten Stadt Deutschlands. Lebens- und liebenswert - diese Prädikate stehen für Kiel!

Albig: Kiel sollte stehen für Teilhabe aller an den Möglichkeiten unserer Stadt. Ob östlich oder westlich der Förde. Ob jung oder alt. Wohlhabend oder nicht. Kiel liegt inmitten einer der aussichtsreichsten Wirtschaftsregionen Europas und bietet alle Voraussetzungen für einen Ort der gemeinsamen Chancen, einen Ort mit erfolgreicher Zukunft. Wenn wir die Bürger unserer Stadt auf diesen Weg mitnehmen wollen, dann gehört dazu zu allererst, dass wir nicht hinnehmen, dass bei uns immer mehr Kinder in Armut leben und dadurch von diesen Chancen ausgegrenzt werden. Wir brauchen gut ausgebildete, selbstbewusste junge Menschen, um künftig erfolgreich zu sein.

Sharma: Kiel ist Landeshauptstadt, Ostseemetropole, Wirtschaftsstandort, Universitätsstadt. Eine Stadt mit einer Geschichte, die man bei der Entwicklung eines zukünftigen Profils berücksichtigen sollte. Kiel sollte für soziale Gerechtigkeit stehen, für eine gelungene Integration von Ausländern, für Frieden und Antifaschismus. Kiel sollte eine Stadt sein, die zu ihren Bürgerinnen und Bürgern steht, gleich welches Einkommen, welche Hautfarbe, religiöse Überzeugung oder politische Gesinnung sie haben. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen ist ein Verfassungsanspruch, der für jeden Menschen in Kiel zur selbstverständlichen Wirklichkeit werden sollte. 
 
Welcher Ort in Kiel birgt für Sie die größten Reize, welcher die geringsten? 
 
Volquartz: Das Herausfordernde an dieser Frage ist, dass sie für mich eigentlich nicht zu beantworten ist. Kiel ist eine reizvolle Stadt am Meer, die Vieles bietet, ohne beliebig zu sein. Hafen, Strände, Industrieareale, Parks, Altbauten, Reihenhaussiedlungen - passend zu jeder Jahreszeit, zu jeder Stimmung, zur Arbeit und zur Freizeitgestaltung gibt es hier die richtige Stelle. Um niemanden zu enttäuschen, will ich aber doch einen Ort herausheben: die Sandkiste auf dem Holstenplatz. Sie zeigt mir, dass wir mit kleinem Aufwand ganz viel erreichen können, an dem sich kleine Kinder ebenso erfreuen wie große Leute, aber auch die Geschäftsleute.

Albig: Jeder Ort in Kiel, an dem ich mit meinen Kindern zusammen sein kann, wie unser kleiner "Fußballacker" in Suchsdorf, auf dem sie mich beim Spielen so aus der Puste bringen. Unter dem blauen Kieler Himmel und in unserer herrlichen Seeluft verlieren sogar meine Niederlagen an Bedeutung. Wenn ich freitags nach einer Woche in Berlin aus dem Kieler Bahnhof trete, dann weht schon der erste salzige Luftzug jeden trüben Gedanken fort und das Gefühl von Heimat in mein Herz. Den geringsten Reiz in Kiel hat für mich der Sitz im Ratssaal, auf dem leider ein Vertreter einer nichtdemokratischen Partei Platz findet. Dies ist ein Schmerz für jeden Demokraten. 
 
Sharma: Als Kind der Küste brauche ich Wasser in der Nähe, um mich wohlzufühlen. Deswegen gehe ich morgens oft bewusst zu Fuß an der Kiellinie entlang zur Staatskanzlei. Die HDW-Kräne in der Morgensonne, Motorengeräusche, Möwenschreie und eine frische Ostseebrise in der Luft - das kann ich wirklich gut haben. Noch trostloser als manche Ecke in Gaarden finde ich die Ideenlosigkeit mancher Politiker, denen dazu lediglich das Ordnungsrecht in den Sinn kommt. Das löst verlagert die Probleme höchstens, löst sie aber nicht. Hier braucht man kreative Vorschläge, die die unterschiedlich Betroffenen nicht als Objekte sondern als Partner begreifen, die gemeinsam etwas für ihren Stadtteil tun können.


Mit welchen Projekten möchten Sie Ihren Namen verbunden wissen, mit welche auf keinen Fall? 
 
Volquartz: Die erfolgreiche Führung der Verwaltung einer Großstadt wie Kiel spiegelt sich nicht in Leuchtturmprojekten wider, mit denen ich meinen Namen in Verbindung bringe oder nicht. Die Landeshauptstadt lebt davon, dass sie mit einem klaren Konzept auf Kurs gehalten wird. Ich will eine Stadt, in der die Menschen Arbeit und familienfreundliche Lebensbedingungen vorfinden. Es geht auch um Lebensqualität, wie es KIEL.SAILING CITY signalisiert, aber auch um Verteilungsgerechtigkeit. Jeder, der bereit ist mitzumachen, soll hier eine Chance erhalten. 
 
Albig: Ein Oberbürgermeister sollte seinen Namen mit all den Projekten verbunden sehen wollen, die er für die Stadt anpackt. Besonders stolz würde es mich machen, wenn es uns gemeinsam gelingt, unsere Schulen so zu modernisieren, dass die Kieler Schüler zu Recht sagen können: "Wir sind willkommen in unserer Stadt!" Wer seine Jugendlichen in baufällige Gebäude schickt oder aus uralten Büchern lernen lässt, muss sich nicht wundern, wenn die jungen Menschen irgendwann den Glauben an unsere Gesellschaft verlieren. Schulsanierung ist nicht in erster Linie ein Bauprojekt - es ist das Zukunftsprojekt Kiels. Dies gilt genauso für ein modernes Berufsschulzentrum. 
 
Sharma: Zwei Projekte, mit denen ich meinen Namen auf keinen Fall verbunden wissen möchte, wären das Kohlekraftwerk und der Megajachthafen. Nun sieht es aber zum Glück so aus, als ob diese Projekte - zumindest als reale Maßnahmen - auch nicht mit irgendeinem anderen Namen verbunden werden. Zu den wichtigen Aufgaben der näheren Zukunft gehört für mich die Sanierung der maroden Schulgebäude. Auf die Kieler (Berufs-)Schulen kommen neue Herausforderungen zu, für die sie derzeit allein baulich nicht vorbereitet sind. 
 
Was würden Sie als OB 2009 zuerst anpacken, was erst einmal liegen lassen? 
 
Volquartz: Solange ich Oberbürgermeisterin bin, werde ich nichts liegen lassen. Mein fester Wille und meine Beharrlichkeit, Dinge zu einem guten Ende zu bringen, hat am Anfang so manchen gestört. Heute sehen viele, was es bedeutet, Projekte nicht nur anzupacken, sondern auch zu einem Ende zu bringen. Über den Wissenschaftspark würde vermutlich immer noch diskutiert, hätten Preussag, Uni und ich dieses Projekt nicht endlich realisiert. Ganz vorne auf meiner Agenda für 2009 stehen die Verbesserung der Situation in den Schulen, der Ausbau der Kinderbetreuung und die Flexibilisierung der Betreuung. Eltern brauchen Betreuungszeiten synchron zu ihren Arbeitszeiten. 
 
Albig: Das erste, was ich der Ratsversammlung im Sommer vorschlagen werde, ist die Erhöhung der Einstellungszahlen um mindestens 50 Prozent im nächsten Ausbildungsjahrgang 2009/2010. Gerade in Zeiten, in denen es wirtschaftlich nicht so läuft, müssen wir uns um die jungen Menschen kümmern. Jeder, der einen Ausbildungsplatz in Kiel sucht, muss einen bekommen können. Da hat die Stadtverwaltung als Ausbilderin eine besondere Verantwortung. In junge Menschen zu investieren, ist für Kiel eine kluge Investition. Kein verantwortlicher Oberbürgermeister lässt "erst einmal" was liegen - mit einer Ausnahme: der Antrittsbesuch bei der NPD kann getrost unterbleiben. 
 
Sharma: Sofern es bis dahin nicht geschehen ist, würde ich ganz schnell eine Vorlage auf den Weg bringen, damit die Mietobergrenze neu festgestellt wird. Es kann nicht angehen, dass die Kieler Hartz IV-Empfänger von ihrem ohnehin viel zu knapp bemessenen Regelsatz real immer mehr Geld für ihre Miete abknapsen müssen, nur weil die Kosten der Unterkunft auf der Grundlage einer völlig veralteten Mietobergrenze berechnet werden. Liegen lassen müsste ich wohl erst einmal meine Tätigkeit für die Bundespartei. Der Job als stellvertretender Vorsitzender der Finanzrevision ist zwar gerade in der Aufbauphase der Partei spannend und abwechslungsreich, mit den Anforderungen im Amt des Oberbürgermeisters aber kaum zu vereinbaren.